Texte und Interviews

Meinen Artikel für den Expertenrat der Berliner Schlaganfallallianz können Sie gerne hier lesen

 

Mein aktuelles Interview zur aktualisierten und erweiterten Neuauflage 2015 finden Sie hier

 

 

„Viele Menschen, die ein Schlaganfall trifft, oder auch deren Angehörige, sind mit der neu eingetretenen Lage völlig überfordert, werden aus dem geregelten und gut funktionierenden Alltag mit unglaublicher Härte herausgeschleudert. Die oft einseitige körperliche Lähmung (Hemiplegie) und die Sprachveränderung (Aphasie) lähmt die Hoffnung wieder zu genesen. Die Ausrichtungen der Kliniken und Rehaeinrichtungen, die häufig einseitig auf die Defizite schauen, ist fatal - denn, wo die Aufmerksamkeit hingeht, da geht auch die Energie hin!

Zu wenig Informationen und Aufklärung über die möglichen Umbauprozesse und Chancen des Gehirns erschweren die Situation.

Dabei zeigen schon einige Beispiele, wie Menschen mit diesem Schicksal mit Kreativität und Entschlossenheit ihren Körper wieder zur Bewegung hinführen. Wie ein starker Glaube an die Genesung und der unerschütterliche Wille wieder gesund zu werden, das Training unterstützen kann. Die Akzeptanz der Lernerfolge spielt eine sehr bedeutende Rolle - regelmäßige Dokumentation zeigt deutlich die Fortschritte.

Mein Buch macht Mut und motiviert, sich auf den Aufbau zu konzentrieren, denn - es lohnt sich sehr !!!“ Gabo 2011

 

Bauer Media Group, 2012

„... Gabos Kopf fühlte sich wie in Watte gepackt an. Ein Zustand, der sich auch die nächsten Wochen nicht ändern sollte. „Ich konnte meine Augen nicht mehr auf einen Punkt fixieren und war völlig überfordert, wenn mehrere Menschen um mich herum gleichzeitig sprachen“, erinnert sie sich an den Tag, der ihr Leben dauerhaft veränderte. Erstaunlicherweise blieb ihre Laune gut: „Ich glaube, das lag am Schock. Ich wusste nicht mehr, wofür ich meine gelähmte Körperhälfte überhaupt brauchte.“

Die Therapie, die schon einige Tage später begann, reißt Gabo aus ihrer ersten Erstarrung. Mit Ergotherapeuten erarbeitete sie sich mühsam vergessene Alltagsfähigkeiten wie ein Brot zu schmieren, sich anzuziehen. Der Physiotherapeut übte mit ihr immer wieder, ein Bein vors andere zu setzen. Psychotherapie half ihr, das Ereignis seelisch zu verarbeiten. In kleinen Schritten ging es aufwärts. „Nach einer Woche konnte ich aus dem Rollstuhl aufstehen, kleine, erste konzentrierte Schritte machen. Nach zwei Wochen schaffte ich es, sitzend alleine zu duschen. Mein Arm wurde etwas beweglicher.“ 18 Tage danach der erste vorsichtige Versuch, zu zeichnen: Für sie, die bislang als Künstlerin ihr Leben bestritten hat, ein wichtiger Selbsttest. Die Zeichnung blieb weit hinter ihren Fähigkeiten zurück...  Trotzdem begleiten Stricheleien sie von nun an durch die Reha, dienen als eine Art Tagebuch. „Ganz wichtig war es für mich, meine Lernerfolge schriftlich festzuhalten. Da sich weitere Veränderungen nur langsam zeigten, motivierte es mich ungemein zu sehen, was einmal war und wo ich schon angekommen bin.“ Ein weiterer Ansporn, möglichst schnell Gehen zu lernen, war der Wunsch, zurück in die eigenen vier Wände zu kommen. „Meine schöne Wohnung liegt im 4. Stock – einen Fahrstuhl gibt es nicht. Nach zwei Monaten konnte ich die Treppe raufgehen: Endlich wieder daheim!“ Die Wäsche hing immer noch auf dem Wäschereck – für das Zusammenfalten braucht sie Stunden. In einem nächsten Schritt kam die „Forced used“-Methode zum Einsatz: „Die gesunde Hand kam in eine Schiene. Ich war gezwungen, meinen betroffenen Arm zu benutzen. Geistig musste ich mich konzentriert auf die Ausführung jeder Bewegung einstimmen.“ Dass das funktioniert, weiß man erst seit wenigen Jahren. Prof. Siebler (Essen): „Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Plastizität des Gehirns. Unser Gehirn kann sich, in Grenzen, anpassen. Bestimmte Nervenzellen übernehmen dann den Job der abgestorbenen. Das kann dauern, man braucht viel Geduld, die Erfolge sind beachtlich.“ „Mein Wissen über das Wunderwerk Gehirn erweiterte sich, und damit änderte sich mein Blickwinkel. Und meine Lernbereitschaft wurde zum hilfreichen Begleiter.“ Doch selbst nach einem Jahr waren Handflächen und Finger noch taub, Essen mit Messer und Gabel blieb mühsam, Lesen anstrengend. Gabo wurde klar: In ihren alten Beruf als Künstlerin und Filmemacherin würde sie nicht zurückkehren können. Aber deshalb aufgeben? Für sie als Kämpfernatur kein Thema. Sie packte die nächste Herausforderung an, die berufliche Neuorientierung. „Mein früheres Leben war mit viel Handarbeit verbunden. Das kann ich heute nicht mehr leisten. Ich hatte Glück, dass ich schon vor dem Schlaganfall eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie begonnen hatte.“ Mit ihrer neuen Ausrichtung ist es ihr ein persönliches Anliegen mit Betroffenen zu arbeiten, ihnen mit Kunsttherapie zu helfen, sie positiv bei ihrer Einstellung zum Gesund werden zu motivieren. Ihr neues Wissen hilft ihr: „Meine selbstbewusste Persönlichkeit ruht noch im Verborgenen, aber ich weiß heute, auch das wird besser werden! Auf meinem Telefondisplay steht als Begrüßungstext ,Use it or lose it – Gebrauche es oder verliere es.’ Jedes Mal, wenn ich das lese, huscht ein Lächeln über mein Gesicht.“ Und es bleiben noch viele Ziele: Seit ein paar Monaten hat sie wieder mit dem Cellospiel begonnen – selbst wenn die Kraft in den Fingerspitzen noch fehlt. „Ich würde gern wieder Stricken, Hüpfen, Joggen, Fahrradfahren“, lacht sie, um gleich einzuschränken: „Aber im Vergleich zum Anfang erscheinen mir diese Wunschziele heute luxuriös. Ich gehe neugierig auf meinem Weg weiter, Schritt für Schritt. Ich bin in den letzten Jahren erwachsener geworden und dies habe ich wirklich zu schätzen gelernt.“

 

 

Bold The Magazine, 2011

Was hat sich im Vergleich, zu der Zeit vor dem Schlaganfall, verändert?

Mein Wissen über den Körper und die Funktion des Gehirns hat sich erweitert. Meine Neugier Neues auszuprobieren, ist stetig gewachsen, weil ich lernte, alte Denkmuster zu überschreiben. Mit den alten Mustern hätte sich meine Aufmerksamkeit nur auf die entstandenen Defizite gerichtet. Mein neues Verständnis für das Wunderwerk Gehirn und die Prozesse, die im Kopf und im Körper ablaufen, änderte meinen Blickwinkel vollständig.

Wie verhalten sich die Menschen, die von dem Schlaganfall wissen, um Sie herum?

Hier sprechen Sie eine echte Zwickmühle an: Zum einen wollen wir „Behinderte“ ja immer gerne möglichst alles selbst machen, zum anderen ist nach einem Schlaganfall die Wahrnehmung des eigenen Körpers oft sehr skurril. Es ist wichtig, mit den Menschen in seinem Umfeld zu reden: „Dieses und jenes ist bei mir jetzt ganz anders. Das solltest du wissen!“ Dann kann jeder für sich entscheiden, wie er mit der Situation umgeht.

Was würden Sie sich in diesem Zusammenhang wünschen?

Ich wünsche mir, dass andere verstehen, welch ein Kraftakt dahinter steckt, eine verloren gegangene Bewegung völlig neu zu erlernen. Es kommt nichts von selbst zurück – jede Bewegung wird zunächst bei anderen beobachtet, wahrgenommen, mental vorgestellt, in ihre Einzelabläufe aufgeschlüsselt, die Einzelbereiche geübt, kombiniert, wiederholt, stabilisiert, etc. Denken Sie doch nur an die Tausende von Bewegungen einer Hand und der einzelnen Finger. Das ist sehr viel Arbeit!

Sie haben ein Buch über Ihre Erfahrungen veröffentlicht. Warum und vor allem für wen?

Nach einem Schlaganfall ging es mir wie allen Betroffenen. Es ist erst einmal sehr schwierig, mit der neuen Situation umzugehen. Große Teile des vorher so vertrauten Körpers funktionieren nicht mehr. Freunde und Familie sind verunsichert. Wie soll der künftige Alltag aussehen? Alle Beteiligten sind völlig überfordert mit dieser fatalen Situation. Mein Buch ist für Betroffene und Angehörige. Es versucht die Informationslücken zu füllen, schafft einen Überblick über die Krankheit, erklärt Behandlungsansätze und beleuchtet die Chancen des Neu-Lernens. Der erste Teil des Buches ist gezeichnet und wurde durch kurze Erläuterungen ergänzt. Meine persönliche Geschichte steht als Beispiel und lädt ein zum Miterleben, Mitdenken und manches wird im Bild deutlicher als durch Worte allein. Für den 2. Teil habe ich Fachautoren ausgesucht, um die wissenschaftliche Seite aufzuzeigen. Der hier und da durchblitzende Humor nimmt dem Ereignis ein wenig seine Schwere. Gerade in der Anfangs-Phase, in der die Betroffenen noch mit vielen Wahrnehmungseinschränkungen zu tun haben, hilft die Einfachheit und Klarheit des illustrierten Teils.

Wie konnten Sie, noch schlaganfallgeschädigt, diese Kraft aufbringen?

An mir selbst konnte ich in den letzten 4 ½ Jahren beobachten, welche ungeahnten Möglichkeiten das eigene Gehirn durch seine Formbarkeit bietet. Ich konnte manchmal selbst nicht glauben, welche körperlichen Fortschritte und Verbesserungen der Lebensqualität nach einem Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung (Hemiplegie) möglich sind. Mit dem Buch möchte ich andere nicht nur motivieren, sondern auch informieren.

Wie sehen Sie die letzten Jahre aus heutiger Sicht?

Ich habe in den letzten Jahren mein erwachsenes Selbst kennen und schätzen gelernt. Mein Denken und Wahrnehmen hat sich geändert – verbessert – ich erlebe eine selbst gesteuerte Einstellung zu meinen Fähigkeiten und meinem Leben. Die Rehabilitation meiner Körperfunktionen schätze ich weder ohnmächtig noch allmächtig ein. Und ich erfahre, dass ich Möglichkeiten habe, mir gute Unterstützung zur Genesung zu suchen. Ich gehe neugierig auf meinem Weg weiter, Schritt für Schritt.“

 

ANGELA HORSTMANN Gesundheitsbeilage Berliner Zeitung Okt. 2011:

An den Freitagmorgen im März 2007 erinnert sich Gabo noch genau. „Ich hatte Wäsche gewaschen und sie auf den Wäscheständer gehängt. Als ich den Ständer dann zur Seite stellen will, fällt er mir plötzlich links aus der Hand“, erzählt die heute 54-jährige Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin. „Meine linke Hand war eingeschlafen und taub, aber das Kribbeln kam nicht. Meine Hand war einfach nicht mehr vorhanden.“ Gabo – wie die Berlinerin genannt werden will - ruft in der Praxis ihres Hausarztes an. Sie solle vorbei kommen, sagt man ihr dort. „Unterwegs in der U-Bahn geht auch mein linkes Bein langsam weg und auch meine linke Gesichtshälfte fühlt sich auf einmal so anders an. Ich schaffe es kaum noch in die Praxis“, beschreibt sie. „Ich hatte Angst und wusste nicht, was mit mir geschieht“. Sie verbringt eine weitere quälende Stunde im Wartezimmer. Mit „Verdacht auf Schlaganfall“ lässt  ihr Hausarzt sie  schließlich ins Krankenhaus bringen. Weitere acht Stunden später bekommt Gabo dort die Bestätigung: „Sie hatten einen Schlaganfall“.

Gabo ist eine von schätzungsweise 250.000 Deutschen, die jährlich einen Schlaganfall erleiden. Rund 20 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb von vier Wochen, über 37 Prozent innerhalb eines Jahres. Rund die Hälfte der überlebenden Schlaganfall-Patienten bleibt dauerhaft behindert. Fast eine Million Bundesbürger leiden an den Folgen dieser Erkrankung. Damit ist der Schlaganfall die häufigste Ursache für dauerhafte Behinderungen.

Bei einem Schlaganfall oder auch „Apoplex“ kommt es zu einer plötzlichen Minderversorgung des Gehirns mit Blut. Die Ursachen dafür sind entweder eine Durchblutungsstörung durch „verstopfte“ Gefäße oder - deutlich seltener - eine Hirnblutung. Eine anhaltende Minderversorgung der Gehirnzellen mit Sauerstoff führt schließlich dazu, dass die Gehirnzellen in den betroffenen Hirnarealen absterben, was wiederum die Störung bestimmter Gehirn- und Nervenfunktionen zur Folge hat. Umso wichtiger ist schnelles Handeln. Denn nur durch eine umgehende Behandlung lassen sich Folgeschäden wie bleibende Behinderungen vermeiden.

Die einzige zugelassene medikamentöse Therapie nach einem akuten Schlaganfall ist die Thrombolyse, kurz: Lyse-Therapie, bei der das Blutgerinnsel, das den Schlaganfall ausgelöst hat, medikamentös aufgelöst wird. Sie darf allerdings nur in einem Zeitfenster von viereinhalb Stunden eingesetzt werden. „Danach ist die Gefahr zu groß, dass Blutgefäße, die bereits abgestorben sind, durch die Lyse-Therapie zerreißen und die dadurch entstehende Blutung zusätzlichen Schaden anrichtet“, erläutert Prof. Andreas Meisel, Leiter der Berliner Schlaganfall-Allianz an der Charité.

Umso wichtiger ist es, die Warnsignale richtig zu deuten und schnell zu handeln. „Bei einem Schlaganfall treten immer plötzlich neurologische Defizite auf“, erklärt Meisel. Am häufigsten seien dies halbseitige Sehstörungen, halbseitige Lähmungen oder Sprachstörungen. Treten solche Symptome auf, müsse umgehend der Notarzt alarmiert werden, der idealerweise den Patienten sofort in eine Krankenhaus bringt, dass über eine Stroke Unit verfügt, eine interdisziplinär arbeitende Spezialstation für Schlaganfallpatienten. Nicht ohne Stolz berichtet Meisel, dass in Berlin inzwischen 80 Prozent der Betroffenen tatsächlich in einer solchen Stroke Unit behandelt werden, im bundesweiten Durchschnitt seien es bisher nur 50 Prozent.  Die intensive Therapie in einer solchen Spezialabteilung ermögliche eine „relevante Verbesserung der Prognose“ - nicht nur was die Überlebenschancen betrifft. Auch das Ausmaß der Folgeschäden lasse sich durch die spezialisierte Versorgung oft verringern.

Durch eine enge Überwachung werde auf den Spezialabteilungen  den Ursachen für den Schlaganfall auf den Grund gegangen und diese auch behandelt. Noch in der Stroke Unit werde innerhalb der ersten 24 Stunden mit der Mobilisierung der Patienten begonnen. Ziel der Therapie es schließlich nicht nur, einen weiteren Schlaganfall zu verhindern, „sondern die größtmögliche Selbständigkeit zu erhalten“, betont Schlaganfallspezialist Meisel. Und je eher mit der Therapie durch Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Neuropsychologen begonnen wird, umso besser. Durch gezieltes Training können nämlich die intakten Hirnregionen durch die Bildung von Netzwerken die Aufgaben der geschädigten Hirnareale übernehmen.

Neben den sichtbaren körperlichen Einschränkungen belasten viele Betroffene die mit dem Hirninfarkt verbundenen seelischen und geistigen Beeinträchtigungen - und die Tatsache einfach nicht mehr der zu sein, der man vorher war.  „Es war ein allzu abrupter und unvorbereiteter Übergang von einer Realität in eine andere“, erinnert sich auch die Berlinerin Gabo. Die Zeit nach dem Schlaganfall sei eine Herausforderung, nicht nur für sie selbst, sondern auch ihr gesamtes soziales Umfeld gewesen.  „Meine Automatismen auf der linken Seite waren verloren. Jede Bewegung musste in Einzelteile aufgeschlüsselt werden. Ein langer schweißtreibender Prozess“, sagt sie.

Und immer wieder habe es in den Wochen und Monaten nach dem Schlaganfall Momente gegeben, die sie regelrecht runtergezogen hätten – etwa die zweistündige Taxifahrt vom Krankenhaus in die Reha-Klinik. „Ich konnte gar nicht richtig sitzen und mir ist in dem Moment erst richtig klar geworden, dass etwas nicht stimmt“ - was sie vorher, wahrscheinlich noch im anfänglichen Schockzustand, einfach verdrängt habe. „Aber ich bin ein großer Kämpfertyp, so dass ich solche Phasen immer wieder schnell überwinden konnte“; berichtet die Berlinerin.

Vielen Betroffenen freilich fehlt nach einem Schlaganfall eine solche Kämpfernatur. Etwa 50 Prozent leiden anschließend an einer sogenannten reaktiven Depression, weiß Andreas Meisel. Wichtig sei es diese zu erkennen und zu behandeln, um den Erfolg der Reha nicht zu gefährden. Dafür sei vor allem auch eine positive Stimmung und ein motivierendes Umfeld wichtig.  „Die Menschen brauchen in der Situation jemanden, der sie motiviert und ihnen klar macht: Wir kämpfen jetzt gemeinsam, damit du zurück ins Leben kommst.“ Genau diese Unterstützung von Freunden hatte Gabo, als sie nach acht Wochen aus der Rehaklinik wieder nach Hause kam. Gleich bemühte sie sich darum, die Reha ambulant weiter zu führen und weiter an sich zu arbeiten.

Tatsächlich, das betont auch Professor Andreas Meisel, gebe es derzeit in der Rehamedizin viele erfolgversprechende Therapieansätze, von denen Schlaganfallpatienten  zum Teil auch viele Monate nach dem Hirninfarkt noch profitieren könnten. Die transkranielle Magnetstimulation etwa stimuliere mit Hilfe starker Magnetfelder die betroffenen  Bereiche des Gehirns und zeige in Kombination mit Training beachtliche Erfolge, ebenso könnten moderne robotergestützte Bewegungsmaschinen Menschen mit Lähmungen helfen. Die Patienten würden dabei „passiv bewegt“, durch dieses passive Mitarbeiten aber könnten neue Nervenbahnen entstehen. Auch eine Spiegeltherapie, bei der durch das Spiegelbild der gesunden Hand die Illusion entsteht , die betroffene Seite bewege sich wie die gesunde, helfe dabei, dass eine andere Hirnregion die Aufgabe der zerstörten übernimmt. Weitere Therapien würden derzeit entwickelt. „In den nächsten zehn Jahren wird es weitere neue Verfahren geben, die uns noch weiterbringen“, prognostiziert Meisel.

Ein großes Problem des, so Meisel, „zersplitterten deutschen Gesundheitssystems“ sei aber, dass viele dieser Therapien den Patienten nicht zugänglich sind – entweder weil sich die Kostenträger nicht einig seien oder aber der Patient von bestimmten Angeboten nichts weiß. „Es ist paradox, dass verfügbare Therapien, die helfen können, beim Patienten nicht ankommen oder sie zu lange darauf warten müssen.“ Um die Versorgung von Schlaganfallpatienten zu verbessern, sei unter anderem der Servicepunkt Schlaganfall in Berlin-Mitte eingerichtet worden, bei dem sich Betroffene und Angehörige in allen Phasen ihrer Erkrankung beraten lassen können.

Wichtig neben allen Therapien ist aber auch, einen Weg zu finden, sich mit der das Leben von Grund auf verändernden Krankheit auseinanderzusetzen - sei es nun in einer Gesprächstherapie oder durch den Austausch mit anderen Betroffenen in einer der vielen  Selbsthilfegruppen. Gabo hat ihren eigenen Weg gesucht. Noch in der Reha hat sie damit begonnen ihre Krankheitsgeschichte festzuhalten – nicht in Worten, sondern in vielen Zeichnungen und Skizzen. Unter dem Pseudonym Gabo hat sie diese nun, ergänzt um die fachlichen Erläuterungen von Experten, in einem Buch veröffentlicht.

„Ich möchte andere Betroffene motivieren, an sich zu arbeiten“, begründet sie. Auch nach Jahren, das habe sie selbst erlebt, ließen sich immer noch Verbesserungen erzielen. „Das Üben ist zwar anstrengend, aber ich selbst habe damit unendlich viel erreicht.“ Auch wenn sie noch immer nicht genug Kraft in ihren linken Fingerspitzen hat, um die Saiten ihres Cello richtig zu treffen – heute, vier Jahre nach dem Schlaganfall, sehe ihr keiner, der es nicht weiß, die Erkrankung mehr an.

Oft kündigt sich ein Schlaganfall durch kleinere, vorübergehende Durchblutungsstörungen an. Eine TIA (transitorische ischämische Attacke) zeigt Symptome eines Schlaganfalls, die aber innerhalb weniger Minuten oder Stunden komplett verschwinden. 40 Prozent der Patienten mit einer TIA erleiden innerhalb von fünf Jahren einen Schlaganfall. Die Hälfte davon innerhalb der ersten drei Monate nach den ersten Anzeichen.